Pfingst-aus-flug

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Ich bin ein Russisch- Blau- Katerchen, gerade mal 14 Wochen, aber schon alt genug für den Freigang auf dem Balkon. Lange hatte es mich geärgert, daß nur meine Mutti dorthin durfte, wo es viele schöne Klettermöglichkeiten und vor allem eine so interessante Aussicht gibt. Doch irgendwann wurde ich von meinem Lieblingsmenschen "vermessen". Das war eine blöde Prozedur. Meine Menschen waren eben der Meinung , daß es auf dem Balkon noch irgendwo eine Ritze gibt, durch die ich kriechen könnte. Endlich konnten wir - Mutti und ich - uns in trauter Zweisamkeit in der Sonne rekeln, Fliegen oder Blätter fangen und den Vögeln zumindest ein Stückchen hinterherjagen. Wenn nur nicht diese blöde große Netz wäre... Dahinter schien es ja noch viel interessanter zu sein. Aber jedesmal, wenn ich auch nur ein bißchen am Netz rumzupfte, kam auch schon einer meiner Menschen. Wie übervorsichtig! Selbst wenn sie mal kurz die Wohnung verließen, hieß es gleich Balkon ade. Doch endlich kam mein Tag. Die Menschen sagen dazu Pfingstsamstag. Es sollte wohl am Nachmittag ein Familienfest geben und alle meine Menschen rannten nochmals woanders hin. Meine Mutti und ich hatten schon eine Stunde lang in der wunderschönen Sonne gebadet und diesmal kam niemand, als ich mal wieder neugierig am Netz zupfte. Doch nirgends gab dieses Netz nach. Dann fiel mir diese Balkonritze ein, gleich über dem Fußboden... und was war denn das? Irgendwie war ich nicht mehr auf dem Balkon, sondern genau wie einer der Vögel durch die Luft geflogen. Allerdings fiel ich nur nach unten, und das mindestens 3 Meter. An meinem linken Ohr hat's ganz schön gekratzt und über mir waren lauter grüne Blätter. Die Sträucher habe ich doch sonst immer von oben betrachtet? Jetzt war ich ganz schön erschrocken, denn den Balkon und meine Mutti konnte ich gar nicht mehr sehen. Total verzweifelt brachte ich mich erst einmal in Sicherheit, denn das hatte ich ja gelernt. Am besten so, daß man viel beobachten kann, aber selbst nicht gesehen wird. So lauerte ich 1-2 Stunden und hatte ehrlich gesagt ganz schön viel Angst. Was sollte ich tun? Ich war ja schon mal spurlos in der Wohnung meiner Menschen verschwunden und die kennen bis heute noch nicht das gute Versteck. So wußte ich genau, was die jetzt machten: Sie zerlegen die Betten, durchsuchen alle Schränke, gucken hinter die Gardinen, schieben Möbel rum und denken sogar, ich sei so dumm und verstecke mich im Herd, in der Waschmaschine oder im Kühlschrank. Nur gut, dass ich das diesmal nicht miterlebte. Aber hier unten war es auch nicht gerade berauschend, zumal ich immer wieder Menschen sah, die auch durch die Büsche krabbelten. Immer wenn die vielen Füße und Hände kamen, versteckte ich mich vorsichtshalber noch ein bißchen besser. Dann guckten die Menschen auch noch unter jedes parkende Auto und liefen aufgeregt um die vielen Bäume herum. Auf einmal packte mich jemand von hinten. Ich kratzte und biß was das Zeug hielt und erst in meiner vertrauten Wohnung erkannte ich, daß es einer meiner Lieblingsmenschen war. Da habe ich mich vorsichtshalber gleich mit lautem Schnurren entschuldigt. Meine Menschen glaubten aber nicht, dass es mir gut geht, tasteten mich überall ab und telefonierten ständig rum. So beschäftigte ich mich erst einmal mit meinen Futternapf. Ich war ja fast 3 Stunden unterwegs und die Wohnung sah sowieso aus, als wollten wir längere Zeit verreisen. Den restlichen Pfingstsamstag habe ich dann gründlich verschlafen. Mir war der Trubel einfach zu groß, denn so viele Menschen wollten mich unbedingt sehen. Dafür hatte ich ja noch Verständnis. Verstanden hatte ich nicht, warum mein Lieblingsmensch ganz rote Augen hatte ...

Arkadi vom Reussischen Land in Gera

Erschienen in der Ausgabe 04/03 der "IG Revue" Russisch Blau

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