Nepelparder

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Nebelparder (Neofelis nebulosa)
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Nebelparder (Neofelis nebulosa)

Von Nepal bis Borneo verbreitet

Für ein Tier seiner Grösse führt der Nebelparder in seiner südostasiatischen Heimat eine aussergewöhnlich verborgene Lebensweise. Selbst für einen erfahrenen Feldbiologen ist die Chance sehr gering, diesen «Heimlichtuer» jemals zu Gesicht zu bekommen. Über Ökologie und Verhalten des Nebelparders in freier Wildbahn ist deshalb so gut wie nichts bekannt, ja selbst die Grenzen seines Verbreitungsgebiets liegen teils im dunkeln. Dies zeigt sich anschaulich daran, dass 1989 an vier verschiedenen Orten in Nepal die Präsenz von Nebelpardern nachgewiesen werden konnte, nachdem die mittelgrosse Katze während mehr als hundert Jahren im Land als «verschollen» galt. Allem Anschein nach war der Nebelparder die ganze Zeit über in Nepal heimisch gewesen, jedoch schlicht übersehen worden. Nepal bildet das nordwestlichste Vorkommen des Nebelparders. Von dort findet man ihn ostwärts durch Bhutan, Nordostindien (Assam), wahrscheinlich Bangladesch, Myanmar und Südchina bis zur Pazifikküste. Einst gab es noch eine separate Population auf Taiwan, doch gilt diese inzwischen als ausgestorben. Jedenfalls konnte seit den sechziger Jahren kein sicherer Nachweis mehr erbracht werden. Angesichts der überaus heimlichen Lebensweise des Nebelparders wäre es indes kaum überraschend, wenn die Art auch dort gelegentlich wiederentdeckt würde.

Südlich des genannten «Verbreitungsgürtels» scheint der Nebelparder sowohl in Myanmar als auch in Thailand verhältnismässig weit verbreitet zu sein. Er kommt sodann in allen drei Ländern Indochinas - Vietnam, Kambodscha und Laos - vor. Der südlichste Teil des Verbreitungsgebiets bilden schliesslich die Malaiische Halbinsel (Malakka) und die Inseln Sumatra und Borneo.

Auf Borneo scheint der Nebelparder noch weit verbreitet zu sein und in den malaysischen Bundesstaaten Sarawak und Sabah ebenso vorzukommen wie im Sultanat Brunei und in der indonesischen Provinz Kalimantan. Borneo wird in Fachkreisen gewöhnlich als Hauptvorkommensgebiet der Art betrachtet, da diese drittgrösste Insel der Welt praktisch nur an den Rändern von Menschen besiedelt ist und die Bestände der hübschen Raubkatze hier besonders hohe Dichten aufzuweisen scheinen.

Affenjagender «Astleopard»

Innerhalb seines riesigen Verbreitungsgebiets bewohnt der Nebelparder vorzugsweise bewaldetes Gebiet. Allerdings ist er kein strikter Bewohner dichter immergrüner Regenwälder, wie man früher dachte, sondern er erweist sich als recht anpassungsfähig und weiss ein breites Spektrum von Lebensräumen zu nutzen - von üppigem Tieflandregenwald über morastigen Mangrovenwald und lichten Monsunwald bis hin zu buschartigem Sekundärwald.

«Macan dahan» - «Astleopard» - nennen die Indonesier den Nebelparder. Tatsächlich findet man seine Fussspuren nur selten auf dem Waldboden, denn er verbringt viel Zeit im Geäst der Bäume und erweist sich dort als ausgezeichneter Kletterer. Seine ausserordentlichen Fähigkeiten zeigt er beispielsweise, wenn er einen senkrechten Baumstamm hinuntersteigt: Während die meisten anderen Katzen rückwärts ziemlich unbeholfen hinabklettern, läuft der Nebelparder kopfvoran hinunter. In Anpassung an das Baumleben hat der Nebelparder ungewöhnlich lange Krallen entwickelt, die ihm einen sicheren Halt geben. Sein nahezu körperlanger Schwanz ist als Balancierhilfe sehr nützlich. Und dank seiner kurzen, aber überaus muskulösen Beine vermag er selbst fünf Meter breite Lücken im Geäst zu überspringen. Im übrigen ist er dank seiner prächtigen Plattenflecken mit ihrem blasseren, «nebligen» Innern zwischen den Blättern vorzüglich getarnt.

Wie die meisten Katzen scheint der Nebelparder ein weitgehend einzelgängerisches Leben zu führen. Auf die Pirsch geht er hauptsächlich in der Morgen- und in der Abenddämmerung, doch ist er mitunter auch zu anderen Tages- und Nachtzeiten unterwegs. Dabei fallen dem Kletterkünstler im Geäst allerlei Vögel, Hörnchen und besonders Affen zum Opfer. So konnte etwa im Khao-Yai-Nationalpark in Thailand von einem Wissenschaftler beobachtet werden, wie ein Nebelparder einen Schweinsaffen (Macaca nemestrina) erlegte. Und auf Borneo haben glaubwürdige Augenzeugen schon miterlebt, wie Nebelparder Nasenaffen (Nasalis larvatus), Gibbons (Hylobates spp.) und junge Orang-Utans (Pongo pygmaeus) erbeuteten. Oft überfällt der Nebelparder aber auch Wildschweine, Hirsche und andere bodenlebende Säugetiere. Teils lauert er ihnen auf Ästen auf und stürzt sich dann unvermittelt auf sie hinunter, teils schleicht er sich am Boden an sie heran. Seine sehr langen, dolchartigen Eckzähne sind ihm beim Töten solch grosser Tiere sehr dienlich.

Über das Fortpflanzungsverhalten des Nebelparders in der freien Wildbahn wissen wir praktisch nichts. In Menschenobhut hat man festgestellt, dass die Nebelparderweibchen nach einer Tragzeit von rund drei Monaten zumeist zwei bis vier Junge zur Welt bringen. Diese wiegen bei der Geburt 140 bis 170 Gramm und sind wie alle Katzenkinder zunächst noch blind. Sie öffnen ihre Augen nach zehn bis zwölf Tagen, werden bis zum Alter von fünf Monaten gesäugt und sind mit etwa neun Monaten ausgewachsen. Die Geschlechtsreife erreichen sie im Alter von ungefähr zwei Jahren, und ihre Lebenserwartung liegt (zumindest in Menschenobhut) bei 15 bis 20 Jahren.

Lebensraum schrumpft, Knochenhandel floriert

Zwar ist es nicht möglich, zuverlässige Angaben über die Grösse der heutigen Nebelparder-Gesamtpopulation zu machen. Unbestritten ist jedoch, dass die Bestände der mittelgrossen Raubkatze im ganzen Artverbreitungsgebiet stark rückläufig sind. Südostasien erfährt derzeit eine enorme zivilisatorische Entwicklung. Dies hat unter anderem zur Folge, dass die südostasiatischen Wälder in horrendem Tempo gerodet werden, um Holz zu gewinnen und Platz für Siedlungen, Verkehr und Industrie zu schaffen. Der Lebensraum des Nebelparders schrumpft dadurch rasch und unwiederbringlich.

Ausserdem wird der Nebelparder in seinem ganzen Verbreitungsgebiet stark bejagt. Zum Verhängnis wird ihm einerseits sein prächtiges Fell, das auf dem Pelzmarkt sehr begehrt ist. Andererseits finden seine Knochen in der traditionellen orientalischen Heilkunde Verwendung, werden seine Zähne zu Schmuckstücken und Glücksbringern verarbeitet, und mancherorts, so in Thailand und China, wird auch sein Fleisch als Delikatesse geschätzt.

Theoretisch ist der Nebelparder heute in den meisten Ländern innerhalb seines Verbreitungsgebiets gesetzlich geschützt, doch leider ist der Vollzug der Naturschutzgesetze vielerorts mangelhaft. Er ist auch in Anhang I des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (WA) aufgeführt, was bedeutet, dass der internationale Handel mit lebenden Tieren, Teilen von ihnen und Produkten aus ihnen zwischen den rund 120 Staaten, welche das Übereinkommen bislang unterzeichnet haben, vollständig gebannt ist. Es scheint, dass das WA den interkontinentalen Handel mit Fellen des Nebelparders in der Tat wirkungsvoll zu unterbinden vermocht hat. Den innerasiatischen Handel mit Knochen und anderen in der orientalischen Volksmedizin begehrten Körperteilen scheint es hingegen höchstens geringfügig eingeschränkt zu haben.

Damit die prächtige Katze längerfristig eine Überlebenschance hat, müssen möglichst viele und möglichst grossflächige Bereiche der noch unberührten Tropenwälder Südostasiens wirksam vor der Abholzung geschützt werden. Ausserdem gilt es, den nationalen und internationalen Artenschutzgesetzen bessere Nachachtung zu verschaffen. Der Welt Natur Fonds (WWF) setzt sich hierfür im Rahmen zahlreicher Projekte und mit erheblichen finanziellen Mitteln im ganzen südostasiatischen Raum seit vielen Jahren ein.



Mit freundlicher Genehmigung von Zoologe Markus Kappeler

http://www.markuskappeler.ch/

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